Die Genossenschaftsbank schreibt wegen tieferer Leitzinsen weniger Gewinn. Die Diversifikation des Geschäfts kommt nur langsam voran.
Raiffeisens Stärke ist auch ihre Schwäche: die dominante Stellung bei der Immobilienfinanzierung. Fast jede fünfte hierzulande vergebene Hypothek stammt mittlerweile von einer Raiffeisen-Bank. Das macht die Gruppe nach dem Aus der Credit Suisse zur zweitgrössten Schweizer Bank hinter der UBS – damit ist die Genossenschaft mit einer Bilanzsumme von 312 Milliarden Franken systemrelevant.
Das riesige Hypothekargeschäft verleiht Raiffeisen eine verlässliche und somit komfortable Ertragsbasis – es macht die Bank aber sehr anfällig auf Zinsänderungen. Und weil die Schweizerische Nationalbank die Zinsen seit September 2024 zusammengenommen um einen vollen Prozentpunkt gesenkt hat, bekommt das Raiffeisen voll zu spüren.
Denn ein Viertel der Hypotheken, die Raiffeisen vergeben hat, sind an den Saron gebunden, passen sich also automatisch dem Zinsniveau an. Mit den tieferen Zinsen gingen die Erträge im Zinsgeschäft im ersten Halbjahr klar zurück. Weil gleichzeitig auch die Lohnkosten anstiegen, fiel Raiffeisens Gewinn im ersten Semester um fast 14 Prozent tiefer aus als vor einem Jahr und erreichte 555 Millionen Franken.
Margen unter Druck
Das ist noch kein Drama. Doch auch für das Gesamtjahr erwartet der Übergangs-Bankenchef Christian Poerschke ein tieferes Ergebnis als 2024. Mitunter weil man wegen globaler Turbulenzen davon ausgeht, dass sich in der Schweiz die Konjunktur abkühlen wird. Die Hauspreise werden gemäss Raiffeisen zwar auf hohem Niveau weitersteigen, doch die Margen im Hypo-Geschäft stehen unter Druck.
Um den Zinsen weniger ausgeliefert zu sein, versucht Raiffeisen seit längerem die Abhängigkeit vom Immobilienmarkt zu verringern. Das Vorhaben kommt nur langsam voran. Poerschke spricht zwar von einem starken Vorsorge- und Anlagegeschäft, und auch die Nachfrage nach Vermögensverwaltungsmandaten sei «anhaltend hoch».
Tatsächlich hat Raiffeisen mehr Einnahmen aus dem sogenannten Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft. Auch flossen im ersten Semester rund 2 Milliarden Franken in Vorsorge- und Anlagedepots. Doch von den total 271 Milliarden an Kundenvermögen sind nur rund 55 Milliarden investiert, der Rest liegt auf Sparkonten. Das Potenzial, die Vermögensverwaltung auszubauen, wäre gross.
Firmenkredite: keine Auslandpläne
Doch die Dominanz des Hypothekengeschäfts ist erdrückend. Von den gesamten Kundenausleihungen gehen 95 Prozent auf Hypotheken zurück. Auch das Firmenkundengeschäft, von dem man sich nach dem CS-Aus viel versprach, bleibt eine Randnotiz. Rund 56 Milliarden Franken hat Raiffeisen gegenüber Firmenkunden offen – und bei Unternehmenskrediten handelt es sich oft um Hypotheken.
Neue Firmenkunden werden gemäss Poerschke zwar auch von der ehemaligen CS gewonnen, doch man ist vorsichtig: «Wir gehen sehr konservativ und risikobewusst vor und versuchen die Geschäfte risikoarm zu tätigen», sagt er. Pläne, Schweizer Unternehmen bei der Finanzierung im Ausland zu unterstützen, gibt es derzeit keine. Das Augenmerk liege auf dem Wachstum im Inland, sagt der Interims-CEO.
Auch im Firmenkundengeschäft hätte Raiffeisen angesichts ihrer Finanzkraft viel Potenzial. Doch es wird beim neuen Raiffeisen-CEO Gabriel Brenna liegen, dieses besser auszuschöpfen. Brenna übernimmt im Dezember den Topjob von Poerschke, der wieder in seine angestammte Position als Finanzchef zurückkehrt. Auch Poerschke soll Ambitionen auf den Topjob gehabt haben, ging aber leer aus.
Ausbau von E-Banking statt «Super-App»
Auf Brenna wartet die Aufgabe, die behäbige Genossenschaft zum Leben zu erwecken. Der Auftrag des Raiffeisen-Verwaltungsrats lautet offiziell, «neue Impulse für die kommende Strategieperiode» zu geben. Auch die Digitalisierung ist ein Bereich, in dem viel Potenzial brachliegt und bisher viel Geld verschwendet wurde. So brach Raiffeisen im Frühjahr die Entwicklung einer Banking-App ab und musste dafür 47 Millionen Franken abschreiben. Die Gesamtkosten dieses IT-Projekts dürften ein Vielfaches dieser Summe betragen haben.
Erst unter Brenna dürften wieder wegweisende IT-Entscheide anstehen. Bis dahin soll kein neuer Versuch gestartet werden, eine «Super-App» zu lancieren. Gemäss Poerschke setzt man auf die Weiterentwicklung des bestehenden E-Banking-Portals. Raiffeisen kann hoffen, dass es unter Brenna bei der IT vorwärtsgehen wird. Der künftige Chef gilt als digitalaffin und ist als Ex-McKinsey-Berater strategisch beschlagen.
Bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Liechtensteinischen Landesbank (LLB), hat es Brenna jedenfalls geschafft, eine Anlage-App zu lancieren, die Bank Linth zu integrieren und die Vermögensverwaltung auch im Ausland auszubauen – solche Resultate würden Raiffeisen gut anstehen. Dass Brenna solche Initiativen in einem zehnmal so grossen Konzern wie Raiffeisen und bei 212 eigenständigen Genossenschaftsbanken gleich schnell durchsetzen kann, ist indes zu bezweifeln.
