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Fokus: Wirtschaft, Finanzen, Banken, Hypotheken und Märkte.
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TEXT:
Das linke Ufer hat die gegenüberliegende Goldküste als teuerstes Pflaster am Zürichsee mittlerweile überholt. Viele Einheimische können sich die frühere Pfnüselküste nicht mehr leisten, selbst wenn sie dort ein Grundstück erben.
Preislich hat das linke Seeufer die Goldküste inzwischen überholt. Unter Maklern hat sich neuerdings das Wort Platinküste durchgesetzt.
Illustration Simon Tanner / NZZ
Wenn Niki Thomet seiner internationalen Kundschaft Luxus und Schweizer Perfektion beschreibt, besteht diese aus Beton und Glas und sieht aus wie die Villa seines Kunden hoch über dem Dorfkern von Oberrieden. Eine Fensterfront bis zum Boden rahmt das Panorama wie das Gemälde eines alten Meisters. Zu Füssen liegt der See, einer samtenen Decke gleich. In der Ferne thronen die frisch verschneiten Berge. Über den Flachdächern am Hang glänzt an diesem sonnigen Morgen im April der Turm der Dorfkirche. Er verströmt einen Hauch willkommener Schweizer Biederkeit.
«Atemberaubend!», sagt der Geschäftsführer des Teams Thalwil von Engel & Völkers, «jedes Mal von neuem: einfach atemberaubend.» Thomet spannt seine beiden Arme über die 180-Grad-Aussicht und betont, diese sei ein Muss in diesem Preissegment, ein Standard sozusagen beim führenden Immobilienmakler am linken Seeufer. So wie Alarmanlage, privates Gym, eine Garage für drei oder mehr Autos und allerhöchste Diskretion, was Namen und Adressen anbelange.
Nicht Standard ist der Taj-Mahal-Finish in der Küche der Villa. So nennt man im Fachjargon die aus einem einzigen Stück Stein gehauene Abdeckung für die Kochinsel: ein rund zwei auf vier Meter grosser elfenbeinfarbener Quarzit mit Einschlüssen aus Turmalin. Eigens aus Patagonien ins einstige Schweizer Bauerndörfchen importiert, signalisiert der Quader in der Mitte des Raumes hoch über dem See, dass man sich an dieser Adresse nicht nur Luxus, sondern Perfektion leistet.
Der transluzente Stein, dessen Transport allein schon ein Vermögen gekostet hat, dient auch als Rückwand der Bar, wo er – mit LED hinterleuchtet – den Raum in einen goldenen Schimmer taucht und den perfekten Hintergrund bietet für eine Wohnwelt, in der vom Bodenbelag über die Strukturtapeten an den Wänden bis hin zu Tisch und Sofa alles bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt ist. Selbst der kleine Yorkshire Terrier des Hausherrn passt farblich ins Interieur, als wäre er ein eigens dafür ausgesuchtes Accessoire.
Niki Thomet, Immobilienmakler.
PD
Standard ist auch die junge Schweizer Familie nicht, die Niki Thomet dem Besitzer der Liegenschaft in Oberrieden für das zweite Haus auf dessen Grundstück diskret vermitteln konnte. Schliesslich gehören Einheimische im Segment zwischen 5 und 8 Millionen an dieser Lage mittlerweile zur Minderheit in der Käuferstatistik des Maklers: «Vier von fünf Liegenschaften, die 2025 zwischen Kilchberg und Horgen zum Verkauf standen, gingen an Expats und internationale Privatpersonen mit mehreren Wohnsitzen», sagt Thomet. «Umso mehr schätzen die wenigen Schweizer, die sich die Lage noch leisten können, dann einen heimischen Dorfcharakter.» Oberrieden sei sozusagen zur «Schweizer Enklave» am linken Seeufer geworden. Unter Maklern hat sich neuerdings das Wort Platinküste für diese Region durchgesetzt.
Preisrekord in Kilchberg – was ist da passiert?
Es ist noch nicht so lange her, da wurde die schattigere Seite des Zürichseeufers als Pfnüselküste belächelt: weniger Sonnenstunden, selten ein Grundstück mit Seeanstoss, dafür höhere Steuern, mittelständische Einfamilienhäuser hinter Thujahecken, kleine Mehrfamilienhäuser und in jeder Gemeinde pragmatische Wohnblöcke aus den sechziger und siebziger Jahren – die einstige Industrieküste Zürichs konnte es mit dem Ufer der Jeunesse dorée auf der anderen Seeseite nicht aufnehmen.
Doch seit kurzem wirkt sie, als habe man ihr sehr starkes Neocitran verabreicht. Es herrscht Goldgräberstimmung unter den Entwicklern, Maklern und Investoren. Neben den Kirchtürmen ragen allenthalben Kräne in den Himmel, die Quadratmeterpreise in den Gemeinden Kilchberg, Thalwil, Rüschlikon und Horgen haben jene an der Goldküste überrundet. In Kilchberg blättert ein Käufer 35 000 Franken pro Quadratmeter Wohnfläche hin, so viel wie nirgendwo sonst in der Schweiz. Der Medianpreis der verkauften Einfamilienhäuser hat sich in den letzten zehn Jahren in der ganzen Region Zimmerberg verdoppelt.
Die steigenden Bodenpreise am linken Ufer sind von Zürich aus seeaufwärts gewandert und haben die oberen Seegemeinden erreicht: Hier eine Luftaufnahme der Stadt Horgen vom April 2025.
Gaëtan Bally / Keystone
Am beliebtesten aber sind die Gemeinden am See: Während die Bevölkerung im Kanton Zürich im letzten Jahrzehnt um 11,2 Prozent gewachsen ist, legte sie in Kilchberg um 18 Prozent, in Rüschlikon um 16 Prozent zu. Und heute, da das Bauland in den stadtnahen Gemeinden ausgeht, wachsen die oberen Seegemeinden Wädenswil, Horgen und allen voran: Thalwil, das allein 2025 um 2 Prozent zugelegt hat. Das ist doppelt so viel wie der kantonale Durchschnitt. Zwischen 30 und 40 Prozent der Einwohner haben keinen Schweizer Pass.
Ein paar Schweizer für die Folklore
Verschnupft sind darob langjährige Eingesessene. Zwei pensionierte Thalwiler, die am Tisch des Cafés Boulevard ihren Morgenkaffee trinken, wischen das Wort «Platinküste» mit den Brosamen ihres Gipfels vom Tisch, als sie darauf angesprochen werden.
Am Nebentisch wird Englisch gesprochen. Der Jüngere der beiden ist in der Gemeinde zur Schule gegangen, er hat in der reformierten Kirche geheiratet, Kinder bekommen und ist an der Pfnüselküste («ich bestehe darauf») alt geworden. Seine Tochter ist vor kurzem weggezogen, unfreiwillig. Obwohl sie lange gesucht habe und er all seine Beziehungen habe spielen lassen, habe die junge Familie keine bezahlbare Wohnung finden können. Er kenne viele Zugezogene, spiele mit einigen regelmässig Pétanque und habe wirklich nichts gegen ein Multikulti-Thalwil. «Aber seit ein paar Jahren», sagt er, «fühle ich mich in meiner Heimatgemeinde wie ein Statist, der für ein bisschen Folklore sorgt.»
Um die Ecke des Cafés ist eben das bisher teuerste Neubauprojekt der Region mit dem Namen «Lake Ville» fertiggestellt worden. Ausser der Attika sind alle Wohnungen bereits bezogen. Neben den Klingeln stehen englische, französische und asiatische Namen. Schweizer Namen sucht man vergebens. Das passt ins Zuzügerbild der Gemeinde. Genau wie die Tochter des Thalwiler Rentners ins Bild der Wegzüger passt.
Die wichtigsten Fakten aus der Zu- und Wegzugsbefragung des Kantons, an der die Gemeinde vor zwei Jahren teilgenommen hat, bestätigen: Der wichtigste Grund für den Zuzug nach Thalwil ist die Verkehrsanbindung ans Schienen- und Strassennetz, nach Zug und zum Flughafen, darauf folgen: «Ruhe und Natur», «Sozialstruktur» sowie «Sicherheit und Sauberkeit». Bei den Gründen für den Wegzug werden persönliche Veränderungen wie Familienzuwachs am häufigsten genannt. Und in den ausformulierten Kommentaren wird der Mangel an bezahlbaren Wohnungen überdurchschnittlich häufig beklagt.
Stimmvolk heisst Schutzklausel für Einheimische gut
Es sind längst nicht mehr nur kinderreiche Familien oder Menschen aus dem unteren Bereich der Lohnskala, denen Thalwil zu teuer geworden ist. Die Platinküste hat längst auch den Mittelstand abgehängt. Im März 2024 haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger die Einzelinitiative «Für mehr bezahlbare Wohnungen in Thalwil» gutgeheissen und den Gemeinderat verpflichtet, das Thema gemeinnützigen und preisgünstigen Wohnraum strategisch anzugehen. Auch in anderen Gemeinden am Zimmerberg, in Adliswil etwa, lancierten freisinnige Politiker jüngst Vorstösse, um einen «Einheimischenbonus» einzuführen: Wird zusätzlicher Wohnraum geschaffen oder werden preisgünstige Wohnungen gebaut, soll es möglich sein, einen Teil davon für Personen zu reservieren, die schon länger im Ort leben.
Viele Einheimische verlieren den Wettbewerb immer öfter nicht nur auf dem Mietermarkt, sondern auch ihre Chancen, Eigentum zu erwerben, schwinden: Eine Studie der UBS von 2025 hat untersucht, wer heute im Land noch eine Eigentumswohnung mit 110 Quadratmetern Wohnfläche und einer anfänglichen Belehnung von 80 Prozent finanzieren kann. Dabei kamen die Ökonomen der Bank zum Ergebnis, dass selbst für einen Haushalt mit einem überdurchschnittlichen Einkommen von 200 000 Franken nur knapp die Hälfte der damals ausgeschriebenen Objekte finanziell tragbar war.
Darunter selten eines am Seeufer im Kanton Zürich. «Einkommensschweizer», wie der Makler Niki Thomet jene Menschen nennt, die nicht zu den Grosserben gehören, können sich die Eigentumswohnungen am See, geschweige denn die Attika des «Lake Ville»-Projekts im Zentrum von Thalwil, kaum leisten. Dort bekommt man im Dorfkern für gut 5 Millionen Franken einen Lift direkt in die Wohnung, eine Kochinsel mit Naturstein, einen Raumtrenner aus Messing, Fischgrätparkett, grosszügige Badezimmer, die an sehr gehobene Hotels erinnern, und natürlich die vier S, welche die Pfnüselküste zu Platin haben werden lassen: Seesicht, tiefer Steuerfuss, eine strategisch ideale Lage (Nähe zu Zürich, Zug, Flughafen, Berge) und eine internationale Schule.
Lan Anh Nguyen, Immobilienmaklerin.
PD
«Im Luxussegment muss die Wohnung nicht nur schlüsselfertig sein, sondern auch sämtliche Wünsche und Vorstellungen der Kunden erfüllen. Ein En-suite-Bad für jedes Zimmer ist etwa für asiatische Kunden Bedingung», erklärt Lan Anh Nguyen, Beraterin bei Engel & Völkers. «Sie sind es nicht gewohnt, ein Badezimmer mit potenziellen Gästen zu teilen, auch nicht mit den eigenen Eltern.» Selbstredend müssen auch die Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft etwas hermachen, die Läden in der Umgebung dem gewünschten Lebensstandard entsprechen. Dieser unterscheidet sich von Schweizer Gepflogenheiten etwa auch darin, wer selbstverständlich zum Haushalt gehört. Nicht selten stünden internationale Kunden in der luxuriösen Wohnung und fragten: «And where does my nanny sleep?» Sie suchten weniger ein Daheim für die Ewigkeit mit Charme wie viele Schweizer, so Nguyen, sondern eine mehrheitsfähige Bleibe mit Wiederverkaufswert.
Erbgang, Verkauf, Abriss
Der noch unveröffentlichte Wohnreport, den das Forschungsinstitut Sotomo im Auftrag des Versicherers Helvetia erstellt hat, bestätigt die Beobachtung der Beraterin. Darin wurde das Umzugsverhalten der über 55-Jährigen im Land untersucht und festgestellt, dass Mieter im Alter häufiger in kleinere Wohnungen ziehen als Eigentümer. Anders als bei Ausländern reduziert selbstbewohntes Eigentum bei Schweizern die Wahrscheinlichkeit eines Umzugs um 60 Prozent. An diesem Lock-in-Effekt, an der Erstarrung im Wohnmarkt, sind also in erster Linie die eigenen vier Wände schuld.
Gerade diese typisch helvetische Einstellung zum Wohneigentum hat neben Lage und Anbindung mit dafür gesorgt, dass die Pfnüsel- zur Platinküste wurde: Mit dem Generationenwechsel gehen vermehrt grössere, aber oft bereits veraltete Liegenschaften mit Entwicklungspotenzial an die Erben, nachdem sich jahrzehntelang nichts bewegt hat und die Häuser oft von einem Rentnerpaar oder einer Einzelperson bewohnt worden sind. Handelt es sich bei den glücklichen Erben nicht um ein Einzelkind, sondern um eine Erbgemeinschaft, kann es sich oft kein Geschwister mehr leisten, die anderen auszuzahlen. Zu stark sind die Preise gestiegen. Also wird das Grundstück verkauft, das Haus abgerissen und die grösstmögliche Ausnutzung an Wohnfläche angestrebt. Laut den Daten von Engel & Völkers liegt die Wahrscheinlichkeit, dass grössere Liegenschaften am linken Seeufer infolge eines Erbganges an einen Projektentwickler verkauft werden, bei über 50 Prozent.
Der Kauf fürs Leben, den die Vorfahren einst getätigt haben, lohnt sich also für die Schweizer Erben finanziell durchaus, nicht aber ideell. Der gerade bei Schweizern verbreitete Wunsch, das Wohneigentum über Generationen in der Familie zu halten, lässt sich immer seltener verwirklichen. Auch die Chance, dass es in Schweizer Hände wechselt, ist klein. Und so dominiert heute der mehrheitsfähige, aber uniforme Luxus aus Beton und Glas an den Hügeln des Zimmerbergs, wo einst die etwas biederen und für die Pfnüselküste typischen Häuser und Blöcke standen. Die beiden Ufer des Zürichsees sind auch optisch kaum mehr zu unterscheiden.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Erstelle 3–5 stichpunktartige Kernaussagen (je max. 15 Wörter) mit Fokus auf wirtschaftliche oder finanzielle Aspekte.
Verwende nur Zeilen, die mit “- ” beginnen, keine Emojis oder HTML.
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Das linke Ufer hat die gegenüberliegende Goldküste als teuerstes Pflaster am Zürichsee mittlerweile überholt. Viele Einheimische können sich die frühere Pfnüselküste nicht mehr leisten, selbst wenn sie dort ein Grundstück erben.
Preislich hat das linke Seeufer die Goldküste inzwischen überholt. Unter Maklern hat sich neuerdings das Wort Platinküste durchgesetzt.
Illustration Simon Tanner / NZZ
Wenn Niki Thomet seiner internationalen Kundschaft Luxus und Schweizer Perfektion beschreibt, besteht diese aus Beton und Glas und sieht aus wie die Villa seines Kunden hoch über dem Dorfkern von Oberrieden. Eine Fensterfront bis zum Boden rahmt das Panorama wie das Gemälde eines alten Meisters. Zu Füssen liegt der See, einer samtenen Decke gleich. In der Ferne thronen die frisch verschneiten Berge. Über den Flachdächern am Hang glänzt an diesem sonnigen Morgen im April der Turm der Dorfkirche. Er verströmt einen Hauch willkommener Schweizer Biederkeit.
«Atemberaubend!», sagt der Geschäftsführer des Teams Thalwil von Engel & Völkers, «jedes Mal von neuem: einfach atemberaubend.» Thomet spannt seine beiden Arme über die 180-Grad-Aussicht und betont, diese sei ein Muss in diesem Preissegment, ein Standard sozusagen beim führenden Immobilienmakler am linken Seeufer. So wie Alarmanlage, privates Gym, eine Garage für drei oder mehr Autos und allerhöchste Diskretion, was Namen und Adressen anbelange.
Nicht Standard ist der Taj-Mahal-Finish in der Küche der Villa. So nennt man im Fachjargon die aus einem einzigen Stück Stein gehauene Abdeckung für die Kochinsel: ein rund zwei auf vier Meter grosser elfenbeinfarbener Quarzit mit Einschlüssen aus Turmalin. Eigens aus Patagonien ins einstige Schweizer Bauerndörfchen importiert, signalisiert der Quader in der Mitte des Raumes hoch über dem See, dass man sich an dieser Adresse nicht nur Luxus, sondern Perfektion leistet.
Der transluzente Stein, dessen Transport allein schon ein Vermögen gekostet hat, dient auch als Rückwand der Bar, wo er – mit LED hinterleuchtet – den Raum in einen goldenen Schimmer taucht und den perfekten Hintergrund bietet für eine Wohnwelt, in der vom Bodenbelag über die Strukturtapeten an den Wänden bis hin zu Tisch und Sofa alles bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt ist. Selbst der kleine Yorkshire Terrier des Hausherrn passt farblich ins Interieur, als wäre er ein eigens dafür ausgesuchtes Accessoire.
Niki Thomet, Immobilienmakler.
PD
Standard ist auch die junge Schweizer Familie nicht, die Niki Thomet dem Besitzer der Liegenschaft in Oberrieden für das zweite Haus auf dessen Grundstück diskret vermitteln konnte. Schliesslich gehören Einheimische im Segment zwischen 5 und 8 Millionen an dieser Lage mittlerweile zur Minderheit in der Käuferstatistik des Maklers: «Vier von fünf Liegenschaften, die 2025 zwischen Kilchberg und Horgen zum Verkauf standen, gingen an Expats und internationale Privatpersonen mit mehreren Wohnsitzen», sagt Thomet. «Umso mehr schätzen die wenigen Schweizer, die sich die Lage noch leisten können, dann einen heimischen Dorfcharakter.» Oberrieden sei sozusagen zur «Schweizer Enklave» am linken Seeufer geworden. Unter Maklern hat sich neuerdings das Wort Platinküste für diese Region durchgesetzt.
Preisrekord in Kilchberg – was ist da passiert?
Es ist noch nicht so lange her, da wurde die schattigere Seite des Zürichseeufers als Pfnüselküste belächelt: weniger Sonnenstunden, selten ein Grundstück mit Seeanstoss, dafür höhere Steuern, mittelständische Einfamilienhäuser hinter Thujahecken, kleine Mehrfamilienhäuser und in jeder Gemeinde pragmatische Wohnblöcke aus den sechziger und siebziger Jahren – die einstige Industrieküste Zürichs konnte es mit dem Ufer der Jeunesse dorée auf der anderen Seeseite nicht aufnehmen.
Doch seit kurzem wirkt sie, als habe man ihr sehr starkes Neocitran verabreicht. Es herrscht Goldgräberstimmung unter den Entwicklern, Maklern und Investoren. Neben den Kirchtürmen ragen allenthalben Kräne in den Himmel, die Quadratmeterpreise in den Gemeinden Kilchberg, Thalwil, Rüschlikon und Horgen haben jene an der Goldküste überrundet. In Kilchberg blättert ein Käufer 35 000 Franken pro Quadratmeter Wohnfläche hin, so viel wie nirgendwo sonst in der Schweiz. Der Medianpreis der verkauften Einfamilienhäuser hat sich in den letzten zehn Jahren in der ganzen Region Zimmerberg verdoppelt.
Die steigenden Bodenpreise am linken Ufer sind von Zürich aus seeaufwärts gewandert und haben die oberen Seegemeinden erreicht: Hier eine Luftaufnahme der Stadt Horgen vom April 2025.
Gaëtan Bally / Keystone
Am beliebtesten aber sind die Gemeinden am See: Während die Bevölkerung im Kanton Zürich im letzten Jahrzehnt um 11,2 Prozent gewachsen ist, legte sie in Kilchberg um 18 Prozent, in Rüschlikon um 16 Prozent zu. Und heute, da das Bauland in den stadtnahen Gemeinden ausgeht, wachsen die oberen Seegemeinden Wädenswil, Horgen und allen voran: Thalwil, das allein 2025 um 2 Prozent zugelegt hat. Das ist doppelt so viel wie der kantonale Durchschnitt. Zwischen 30 und 40 Prozent der Einwohner haben keinen Schweizer Pass.
Ein paar Schweizer für die Folklore
Verschnupft sind darob langjährige Eingesessene. Zwei pensionierte Thalwiler, die am Tisch des Cafés Boulevard ihren Morgenkaffee trinken, wischen das Wort «Platinküste» mit den Brosamen ihres Gipfels vom Tisch, als sie darauf angesprochen werden.
Am Nebentisch wird Englisch gesprochen. Der Jüngere der beiden ist in der Gemeinde zur Schule gegangen, er hat in der reformierten Kirche geheiratet, Kinder bekommen und ist an der Pfnüselküste («ich bestehe darauf») alt geworden. Seine Tochter ist vor kurzem weggezogen, unfreiwillig. Obwohl sie lange gesucht habe und er all seine Beziehungen habe spielen lassen, habe die junge Familie keine bezahlbare Wohnung finden können. Er kenne viele Zugezogene, spiele mit einigen regelmässig Pétanque und habe wirklich nichts gegen ein Multikulti-Thalwil. «Aber seit ein paar Jahren», sagt er, «fühle ich mich in meiner Heimatgemeinde wie ein Statist, der für ein bisschen Folklore sorgt.»
Um die Ecke des Cafés ist eben das bisher teuerste Neubauprojekt der Region mit dem Namen «Lake Ville» fertiggestellt worden. Ausser der Attika sind alle Wohnungen bereits bezogen. Neben den Klingeln stehen englische, französische und asiatische Namen. Schweizer Namen sucht man vergebens. Das passt ins Zuzügerbild der Gemeinde. Genau wie die Tochter des Thalwiler Rentners ins Bild der Wegzüger passt.
Die wichtigsten Fakten aus der Zu- und Wegzugsbefragung des Kantons, an der die Gemeinde vor zwei Jahren teilgenommen hat, bestätigen: Der wichtigste Grund für den Zuzug nach Thalwil ist die Verkehrsanbindung ans Schienen- und Strassennetz, nach Zug und zum Flughafen, darauf folgen: «Ruhe und Natur», «Sozialstruktur» sowie «Sicherheit und Sauberkeit». Bei den Gründen für den Wegzug werden persönliche Veränderungen wie Familienzuwachs am häufigsten genannt. Und in den ausformulierten Kommentaren wird der Mangel an bezahlbaren Wohnungen überdurchschnittlich häufig beklagt.
Stimmvolk heisst Schutzklausel für Einheimische gut
Es sind längst nicht mehr nur kinderreiche Familien oder Menschen aus dem unteren Bereich der Lohnskala, denen Thalwil zu teuer geworden ist. Die Platinküste hat längst auch den Mittelstand abgehängt. Im März 2024 haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger die Einzelinitiative «Für mehr bezahlbare Wohnungen in Thalwil» gutgeheissen und den Gemeinderat verpflichtet, das Thema gemeinnützigen und preisgünstigen Wohnraum strategisch anzugehen. Auch in anderen Gemeinden am Zimmerberg, in Adliswil etwa, lancierten freisinnige Politiker jüngst Vorstösse, um einen «Einheimischenbonus» einzuführen: Wird zusätzlicher Wohnraum geschaffen oder werden preisgünstige Wohnungen gebaut, soll es möglich sein, einen Teil davon für Personen zu reservieren, die schon länger im Ort leben.
Viele Einheimische verlieren den Wettbewerb immer öfter nicht nur auf dem Mietermarkt, sondern auch ihre Chancen, Eigentum zu erwerben, schwinden: Eine Studie der UBS von 2025 hat untersucht, wer heute im Land noch eine Eigentumswohnung mit 110 Quadratmetern Wohnfläche und einer anfänglichen Belehnung von 80 Prozent finanzieren kann. Dabei kamen die Ökonomen der Bank zum Ergebnis, dass selbst für einen Haushalt mit einem überdurchschnittlichen Einkommen von 200 000 Franken nur knapp die Hälfte der damals ausgeschriebenen Objekte finanziell tragbar war.
Darunter selten eines am Seeufer im Kanton Zürich. «Einkommensschweizer», wie der Makler Niki Thomet jene Menschen nennt, die nicht zu den Grosserben gehören, können sich die Eigentumswohnungen am See, geschweige denn die Attika des «Lake Ville»-Projekts im Zentrum von Thalwil, kaum leisten. Dort bekommt man im Dorfkern für gut 5 Millionen Franken einen Lift direkt in die Wohnung, eine Kochinsel mit Naturstein, einen Raumtrenner aus Messing, Fischgrätparkett, grosszügige Badezimmer, die an sehr gehobene Hotels erinnern, und natürlich die vier S, welche die Pfnüselküste zu Platin haben werden lassen: Seesicht, tiefer Steuerfuss, eine strategisch ideale Lage (Nähe zu Zürich, Zug, Flughafen, Berge) und eine internationale Schule.
Lan Anh Nguyen, Immobilienmaklerin.
PD
«Im Luxussegment muss die Wohnung nicht nur schlüsselfertig sein, sondern auch sämtliche Wünsche und Vorstellungen der Kunden erfüllen. Ein En-suite-Bad für jedes Zimmer ist etwa für asiatische Kunden Bedingung», erklärt Lan Anh Nguyen, Beraterin bei Engel & Völkers. «Sie sind es nicht gewohnt, ein Badezimmer mit potenziellen Gästen zu teilen, auch nicht mit den eigenen Eltern.» Selbstredend müssen auch die Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft etwas hermachen, die Läden in der Umgebung dem gewünschten Lebensstandard entsprechen. Dieser unterscheidet sich von Schweizer Gepflogenheiten etwa auch darin, wer selbstverständlich zum Haushalt gehört. Nicht selten stünden internationale Kunden in der luxuriösen Wohnung und fragten: «And where does my nanny sleep?» Sie suchten weniger ein Daheim für die Ewigkeit mit Charme wie viele Schweizer, so Nguyen, sondern eine mehrheitsfähige Bleibe mit Wiederverkaufswert.
Erbgang, Verkauf, Abriss
Der noch unveröffentlichte Wohnreport, den das Forschungsinstitut Sotomo im Auftrag des Versicherers Helvetia erstellt hat, bestätigt die Beobachtung der Beraterin. Darin wurde das Umzugsverhalten der über 55-Jährigen im Land untersucht und festgestellt, dass Mieter im Alter häufiger in kleinere Wohnungen ziehen als Eigentümer. Anders als bei Ausländern reduziert selbstbewohntes Eigentum bei Schweizern die Wahrscheinlichkeit eines Umzugs um 60 Prozent. An diesem Lock-in-Effekt, an der Erstarrung im Wohnmarkt, sind also in erster Linie die eigenen vier Wände schuld.
Gerade diese typisch helvetische Einstellung zum Wohneigentum hat neben Lage und Anbindung mit dafür gesorgt, dass die Pfnüsel- zur Platinküste wurde: Mit dem Generationenwechsel gehen vermehrt grössere, aber oft bereits veraltete Liegenschaften mit Entwicklungspotenzial an die Erben, nachdem sich jahrzehntelang nichts bewegt hat und die Häuser oft von einem Rentnerpaar oder einer Einzelperson bewohnt worden sind. Handelt es sich bei den glücklichen Erben nicht um ein Einzelkind, sondern um eine Erbgemeinschaft, kann es sich oft kein Geschwister mehr leisten, die anderen auszuzahlen. Zu stark sind die Preise gestiegen. Also wird das Grundstück verkauft, das Haus abgerissen und die grösstmögliche Ausnutzung an Wohnfläche angestrebt. Laut den Daten von Engel & Völkers liegt die Wahrscheinlichkeit, dass grössere Liegenschaften am linken Seeufer infolge eines Erbganges an einen Projektentwickler verkauft werden, bei über 50 Prozent.
Der Kauf fürs Leben, den die Vorfahren einst getätigt haben, lohnt sich also für die Schweizer Erben finanziell durchaus, nicht aber ideell. Der gerade bei Schweizern verbreitete Wunsch, das Wohneigentum über Generationen in der Familie zu halten, lässt sich immer seltener verwirklichen. Auch die Chance, dass es in Schweizer Hände wechselt, ist klein. Und so dominiert heute der mehrheitsfähige, aber uniforme Luxus aus Beton und Glas an den Hügeln des Zimmerbergs, wo einst die etwas biederen und für die Pfnüselküste typischen Häuser und Blöcke standen. Die beiden Ufer des Zürichsees sind auch optisch kaum mehr zu unterscheiden.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Quelle: www.nzz.ch
