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Fokus: Wirtschaft, Finanzen, Banken, Hypotheken und Märkte.
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Nenne, falls vorhanden, wichtige Zahlen, Entwicklungen oder Zitate kurz.
TEXT:
Dank dem Immobilien-Milliardär Bruno Stefanini entstand eine der ältesten Besetzungen der Schweiz. Nun sollen in der Liegenschaft preisgünstige Wohnungen entstehen.
Die «Gisi» in Winterthur gilt als eines der ältesten besetzten Häuser des Landes.
Karin Hofer / NZZ
Wer wissen will, was die links-aktivistische Szene gerade bewegt, muss dafür nur an der General-Guisan-Strasse 31 in Winterthur vorbeispazieren. Die «Gisi» gilt als eines der ältesten besetzten Häuser der Schweiz, seit 29 Jahren lebt hier eine Wohngemeinschaft.
Die Fenster sind in desolatem Zustand, bei der Tür scheint die Klingel zu fehlen. Auf die bröckelnde Fassade wurde eine Palästina-Flagge gemalt, deren Farben bereits zerlaufen; «Krieg dem Krieg» steht weiter unten. Quer über die Breite des Hauses hängt ein Banner mit der Aufschrift «No justice, no peace, fight the police!»
Nun scheinen die Tage der «Gisi» gezählt zu sein. Das Haus am Rand der Winterthurer Altstadt gehört der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) – und diese will die Liegenschaft sanieren und vermieten. Deshalb hat die SKKG den Besetzern ein Ultimatum gestellt: Bis am 31. Juli müssen sie die «Gisi» verlassen. Kommen sie der Frist nicht nach, stellt die SKKG eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch – und schaltet allenfalls die Polizei ein, wie die Hausverwaltung der NZZ bestätigt.
Ein langes Kapitel Winterthurer Kulturgeschichte nähme damit sein Ende.
Ein Winterthurer Unikum
Jahrzehntelange Besetzungen sind in der Schweiz eher selten. Der Besetzer-Hotspot ist die Stadt Zürich, wo leerstehende Häuser meist nicht lange unentdeckt bleiben. Im Fall des Koch-Areals in Albisrieden wurden gleich mehrere Liegenschaften in Beschlag genommen. Als die Besetzer das Areal 2023 nach fast zehn Jahren verlassen mussten, kam es zu heftigen Scharmützeln mit der Polizei. Heute ist das Areal mit gemeinnützigen Wohnungen überbaut.
Dass die Besetzer der «Gisi» so lange bleiben durften, verdanken sie einem Winterthurer Unikum: Bruno Stefanini.
Stefanini – dessen Leben letztes Jahr verfilmt wurde – war als reichster «Messie» des Landes bekannt. 1924 als Sohn eines italienischen Migranten in Winterthur geboren, häufte er mit Immobiliengeschäften ein Milliardenvermögen an. Das Geld brauchte Stefanini, um seiner beispiellosen Sammelwut zu frönen. Mit dem vagen Ziel eines eigenen Museums vor Augen kaufte Stefanini Tausende Gemälde, Skulpturen und historische Sammelsurien auf: Kennedys Schreibtisch, Napoleons Zahnbürste, die Unterhose von Kaiserin Sisi.
Den Traum vom Museum verwirklichte Stefanini nie. Seine ins Gigantische wachsende Sammlung verstaute er in den Dachstöcken und Kellern seiner Immobilien, manche Schätze drohten zu vergammeln. Stefanini arbeitete manisch daran, seine Sammlung zu vergrössern; ging es aber darum, seinen Besitz zu pflegen, galt er als geizig.
Die Sammlung von Bruno Stefanini umfasst rund 100 000 Objekte.
Simon Tanner / NZZ
Überfall von Neonazis
Auch im Umgang mit seinen Liegenschaften verhielt sich Stefanini laut dem Dokumentarfilmer Thomas Haemmerli teilweise eher wie ein Messie als wie ein Geschäftsmann. Er besass 2200 Wohnungen, 4 Schlösser, das Sulzer-Hochhaus und rund 50 Liegenschaften in der Winterthurer Altstadt. Wohnraum vermietete Stefanini preisgünstig, dafür blieb der Unterhalt auf ein Minimum beschränkt. Die Bezeichnung «Stefanini-Haus» für zerfallende und verlotterte Gebäude – wie etwa die «Gisi» – ist in Winterthur bis heute ein stehender Begriff.
Stefaninis Altbauten standen oft leer und zogen immer wieder Wohnaktivisten aus der linksautonomen Szene an. 1997 wurde das Haus an der General-Guisan-Strasse 31 besetzt. Bruno Stefanini – selbst stramm bürgerlich, aber mit einer rebellischen Ader – verhielt sich den Besetzern gegenüber recht tolerant. Vielleicht sah er sich für die halblegalen Gäste nicht verantwortlich, solange sie sich unauffällig verhielten und das Haus auf eigene Kosten pflegten, wie der Historiker Miguel Garcia in seiner Stefanini-Biografie spekuliert.
Erst als sich die Schlägereien zwischen Links- und Rechtsextremen um die Jahrtausendwende im Raum Winterthur häuften, wurde es Stefanini zu viel. Nach einem Überfall von rund dreissig Neonazis auf die «Gisi» wollte er die Besetzer vor die Tür stellen. Die Besetzer wehrten sich öffentlichkeitswirksam, indem sie ein grosses Plakat an die «Gisi» hängten – «Bruno, du Spekulant» stand darauf.
Das liess sich Stefanini nicht gefallen. Der zu diesem Zeitpunkt über siebzig Jahre alte Milliardär fuhr an der General-Guisan-Strasse vor, um das Transparent eigenhändig herunterzureissen. Fast kam es zum Eklat, als die Besetzer damit drohten, seine Leiter umzustossen und Stefanini auf die befahrene Strasse fallen zu lassen. Einem Streetworker gelang es zu vermitteln: Die Besetzer setzten mit Stefanini eine Leistungsvereinbarung auf, und die «Gisi» blieb bestehen.
Stefanini war bekannt dafür, keine Aufgaben delegieren zu können. Im Alter fehlte ihm zusehends der Überblick über seine Sammlung.
Archiv SKKG
Zentrum für die alternative Szene
In den Jahren darauf entwickelte sich das 1680 erbaute Haus zu einem Zentrum für die alternative Szene in Winterthur. In den oberen drei Stockwerken des Hauses lebt eine Wohngemeinschaft. Im Souterrain wurde bereits 1998 eine Bar mit kleiner Bühne eingerichtet – die «Subcultura» –, in der seither auf engem Raum Vorführungen des Films «Züri brännt», «Antifa»-Bar-Abende mit dem Motto «Fuck the Police» oder Rap-Konzerte zu Palästina stattfinden.
Auf ihrer Website, die fast so alt wie ihre Hausfassade wirkt, geben die Besetzer Einblick in die Prinzipien, nach denen ihr kulturelles Angebot funktioniert. Die Konzerte und Lesungen finden «unkommerziell und offen für alle» statt. Das heisst: «Es existieren weder Konsumzwang noch Ausweispflicht, und die anfallende Arbeit wird höchstens zum Selbstkostenpreis vergütet.»
Neben der «antikapitalistischen Praxis» wollen die Besetzer Räume schaffen, in denen «Formen der Unterdrückung nicht akzeptiert, sondern diskutiert und reflektiert werden». Diskriminierendes Verhalten in «all seinen Formen» – von «Faschismus» bis «Bodyshaming» – wird nicht akzeptiert. Beim monatlichen feministischen Bar-Abend sind «Cis-Männer» nicht willkommen.
Ärger mit den Nachbarn
Die Immobilien von Bruno Stefanini sind nach seinem Tod 2018 in den Besitz der SKKG übergegangen, deren Direktorin Brunos Tochter Bettina Stefanini ist. Zweck der Stiftung ist es, die Sammlung von Bruno Stefanini zu pflegen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Über 18 Monate hinweg arbeitete ein Team von über achtzig Personen daran, die rund 100 000 Objekte zu reinigen und digital zu erfassen.
Die Ausgaben für Kultur finanziert die SKKG über ihre Immobilien. Doch auch hier musste die Stiftung zuerst einmal für Übersicht sorgen. Denn zum Erbe Stefaninis gehören sieben besetzte Häuser. Der Umgang mit ihnen sei nie einfach gewesen, sagt Ariel Leuenberger. Er ist Kommunikationschef der Firma Terresta, die für die SKKG die Immobilien verwaltet. «Als Voraussetzung für Verträge wollten wir eine Liste mit den Namen von allen Personen, die in den Häusern lebten», sagt Leuenberger. Die Besetzer hätten dies abgelehnt. «Das war ihnen zu repressiv.»
Blick in den Innenhof der «Gisi». Von hier aus werden die Veranstaltungsräume üblicherweise betreten.
Karin Hofer / NZZ
Inzwischen ist es laut Leuenberger gelungen, mit vier der sieben Besetzungen Lösungen zu finden – sie sind nun zum Teil als reguläre Vereine eingetragen, mit Mietverträgen zur Rohbaumiete oder einem langfristigen Baurecht. Bei zwei weiteren Besetzungen sei eine Einigung in Sicht. Übrig bleibt die älteste Besetzung von allen: die «Gisi». Hier sei keine einvernehmliche Lösung möglich, sagt Leuenberger. «Wir sind ständig in Kontakt mit den Nachbarn, die sich wegen Lärm beklagen.» Zudem sei das Haus in erbärmlichem Zustand und verfalle sichtlich.
Dass es mit der Räumung jetzt schnell gehen soll, hat nach Darstellung von Terresta einen weiteren Grund: Crans-Montana. Auf Aufforderung der Immobilienverwaltung kontrollierte die Feuerpolizei im Februar die Veranstaltungsräume der «Gisi». Der Kontrollbericht, der der NZZ vorliegt, hält erhebliche Mängel fest. So gibt es aus dem Souterrain mit Konzertbühne und Bar nur einen einzigen Fluchtweg, der durch mehrere Räume führt, deren Türen allesamt entgegen der Fluchtrichtung öffnen. Ohne bauliche Massnahmen dürfen sich im Veranstaltungsraum maximal zwanzig Personen aufhalten.
«Gisi bleibt»
Die Besetzer der «Gisi» lassen Medienanfragen unbeantwortet. Auch bei einem Besuch vor Ort will niemand mit der NZZ sprechen. In einer Pressemitteilung im «Untergrund-Blättle» schreiben die Besetzer: Dass Terresta die Besetzung «unter dem Vorwand des Brandschutzes» rauswerfen wolle, sei «verwerflich»; seit der feuerpolizeilichen Kontrolle würden in der «Gisi» keine Veranstaltungen mit mehr als zwanzig Personen mehr durchgeführt. Die Besetzer verweisen zudem auf einen Rechtsstreit mit Terresta, der noch hängig ist.
Der Widerstand gegen die SKKG und Terresta ist bei der «Gisi» grundsätzlicher Natur. Wer lange in einem Haus wohnt, dem gehört es, scheint ihre Logik zu sein; die Wohnungsnot sei durch die Profitgier der Vermieter bedingt und könne nur durch sozialistische Praxis entschärft werden. «Wohnraum ist keine Ware», heisst es auf einem Transparent. Laut dem Kollektiv machen es besetzte Häuser möglich, «Perspektiven jenseits einer kapitalistischen Logik» aufzubauen: «An diesen Orten werden Menschen politisiert und fortschrittliche Ideen diskutiert, gelebt und weitergegeben.»
In der Szene und Medien wie der «WOZ» geniessen die Besetzer dafür grosse Sympathien. Linksradikale Gruppen wie die Revolutionäre Jugendbewegung und der Aufbau engagieren sich mit Demos für die «Gisi», in der Stadt sind Plakate wie «SKKG enteignen» anzutreffen; der Kultursender Arte liess die Besetzer in einer Doku – mit Winterthurer Rap im Hintergrund – als von Wohnungsnot betroffene Protagonisten auftreten.
Auf Instagram zeigen sogar Berliner Hausbesetzer ihre Solidarität, mit Pyros und einem «Gisi bleibt»-Transparent. «All capitalists are targets», heisst es unter dem Beitrag. Sinngemäss übersetzt: Alle Kapitalisten sind legitime Angriffsziele. Daneben stehen die in der linken Szene omnipräsenten Hamas-Dreiecke.
Dass sich die Hausbesetzer einer Räumung widersetzen werden, scheint beschlossene Sache. Für den 31. Juli – wenn das Ultimatum von Terresta abläuft – ist ein Kabarettabend in der «Gisi» angekündigt. «Gisi bleibt» steht unter dem Instagram-Beitrag.
Die Pläne von Terresta sehen für das Haus an der General-Guisan-Strasse preisgünstige Wohnungen in den oberen Stockwerken vor, die sich an Familien, Wohngemeinschaften und Kleinhaushalte richten. Im Erdgeschoss soll ein Gemeinschaftsraum entstehen, der allen Bewohnern offensteht – als «Treffpunkt, Co-Working-Space, Veranstaltungs- oder Rückzugsort». Für den Aussenbereich sind ein Velounterstand und ein grüner Hof mit Bäumen geplant.
Alles, was diesem neuen Wohnraum im Wege steht, ist – ironischerweise –, dass die «Gisi bleibt».
Die «Gisi» scheint – von aussen betrachtet – in sichtlich schlechtem Zustand zu sein.
Karin Hofer / NZZ
Erstelle 3–5 stichpunktartige Kernaussagen (je max. 15 Wörter) mit Fokus auf wirtschaftliche oder finanzielle Aspekte.
Verwende nur Zeilen, die mit “- ” beginnen, keine Emojis oder HTML.
TEXT:
Dank dem Immobilien-Milliardär Bruno Stefanini entstand eine der ältesten Besetzungen der Schweiz. Nun sollen in der Liegenschaft preisgünstige Wohnungen entstehen.
Die «Gisi» in Winterthur gilt als eines der ältesten besetzten Häuser des Landes.
Karin Hofer / NZZ
Wer wissen will, was die links-aktivistische Szene gerade bewegt, muss dafür nur an der General-Guisan-Strasse 31 in Winterthur vorbeispazieren. Die «Gisi» gilt als eines der ältesten besetzten Häuser der Schweiz, seit 29 Jahren lebt hier eine Wohngemeinschaft.
Die Fenster sind in desolatem Zustand, bei der Tür scheint die Klingel zu fehlen. Auf die bröckelnde Fassade wurde eine Palästina-Flagge gemalt, deren Farben bereits zerlaufen; «Krieg dem Krieg» steht weiter unten. Quer über die Breite des Hauses hängt ein Banner mit der Aufschrift «No justice, no peace, fight the police!»
Nun scheinen die Tage der «Gisi» gezählt zu sein. Das Haus am Rand der Winterthurer Altstadt gehört der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) – und diese will die Liegenschaft sanieren und vermieten. Deshalb hat die SKKG den Besetzern ein Ultimatum gestellt: Bis am 31. Juli müssen sie die «Gisi» verlassen. Kommen sie der Frist nicht nach, stellt die SKKG eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch – und schaltet allenfalls die Polizei ein, wie die Hausverwaltung der NZZ bestätigt.
Ein langes Kapitel Winterthurer Kulturgeschichte nähme damit sein Ende.
Ein Winterthurer Unikum
Jahrzehntelange Besetzungen sind in der Schweiz eher selten. Der Besetzer-Hotspot ist die Stadt Zürich, wo leerstehende Häuser meist nicht lange unentdeckt bleiben. Im Fall des Koch-Areals in Albisrieden wurden gleich mehrere Liegenschaften in Beschlag genommen. Als die Besetzer das Areal 2023 nach fast zehn Jahren verlassen mussten, kam es zu heftigen Scharmützeln mit der Polizei. Heute ist das Areal mit gemeinnützigen Wohnungen überbaut.
Dass die Besetzer der «Gisi» so lange bleiben durften, verdanken sie einem Winterthurer Unikum: Bruno Stefanini.
Stefanini – dessen Leben letztes Jahr verfilmt wurde – war als reichster «Messie» des Landes bekannt. 1924 als Sohn eines italienischen Migranten in Winterthur geboren, häufte er mit Immobiliengeschäften ein Milliardenvermögen an. Das Geld brauchte Stefanini, um seiner beispiellosen Sammelwut zu frönen. Mit dem vagen Ziel eines eigenen Museums vor Augen kaufte Stefanini Tausende Gemälde, Skulpturen und historische Sammelsurien auf: Kennedys Schreibtisch, Napoleons Zahnbürste, die Unterhose von Kaiserin Sisi.
Den Traum vom Museum verwirklichte Stefanini nie. Seine ins Gigantische wachsende Sammlung verstaute er in den Dachstöcken und Kellern seiner Immobilien, manche Schätze drohten zu vergammeln. Stefanini arbeitete manisch daran, seine Sammlung zu vergrössern; ging es aber darum, seinen Besitz zu pflegen, galt er als geizig.
Die Sammlung von Bruno Stefanini umfasst rund 100 000 Objekte.
Simon Tanner / NZZ
Überfall von Neonazis
Auch im Umgang mit seinen Liegenschaften verhielt sich Stefanini laut dem Dokumentarfilmer Thomas Haemmerli teilweise eher wie ein Messie als wie ein Geschäftsmann. Er besass 2200 Wohnungen, 4 Schlösser, das Sulzer-Hochhaus und rund 50 Liegenschaften in der Winterthurer Altstadt. Wohnraum vermietete Stefanini preisgünstig, dafür blieb der Unterhalt auf ein Minimum beschränkt. Die Bezeichnung «Stefanini-Haus» für zerfallende und verlotterte Gebäude – wie etwa die «Gisi» – ist in Winterthur bis heute ein stehender Begriff.
Stefaninis Altbauten standen oft leer und zogen immer wieder Wohnaktivisten aus der linksautonomen Szene an. 1997 wurde das Haus an der General-Guisan-Strasse 31 besetzt. Bruno Stefanini – selbst stramm bürgerlich, aber mit einer rebellischen Ader – verhielt sich den Besetzern gegenüber recht tolerant. Vielleicht sah er sich für die halblegalen Gäste nicht verantwortlich, solange sie sich unauffällig verhielten und das Haus auf eigene Kosten pflegten, wie der Historiker Miguel Garcia in seiner Stefanini-Biografie spekuliert.
Erst als sich die Schlägereien zwischen Links- und Rechtsextremen um die Jahrtausendwende im Raum Winterthur häuften, wurde es Stefanini zu viel. Nach einem Überfall von rund dreissig Neonazis auf die «Gisi» wollte er die Besetzer vor die Tür stellen. Die Besetzer wehrten sich öffentlichkeitswirksam, indem sie ein grosses Plakat an die «Gisi» hängten – «Bruno, du Spekulant» stand darauf.
Das liess sich Stefanini nicht gefallen. Der zu diesem Zeitpunkt über siebzig Jahre alte Milliardär fuhr an der General-Guisan-Strasse vor, um das Transparent eigenhändig herunterzureissen. Fast kam es zum Eklat, als die Besetzer damit drohten, seine Leiter umzustossen und Stefanini auf die befahrene Strasse fallen zu lassen. Einem Streetworker gelang es zu vermitteln: Die Besetzer setzten mit Stefanini eine Leistungsvereinbarung auf, und die «Gisi» blieb bestehen.
Stefanini war bekannt dafür, keine Aufgaben delegieren zu können. Im Alter fehlte ihm zusehends der Überblick über seine Sammlung.
Archiv SKKG
Zentrum für die alternative Szene
In den Jahren darauf entwickelte sich das 1680 erbaute Haus zu einem Zentrum für die alternative Szene in Winterthur. In den oberen drei Stockwerken des Hauses lebt eine Wohngemeinschaft. Im Souterrain wurde bereits 1998 eine Bar mit kleiner Bühne eingerichtet – die «Subcultura» –, in der seither auf engem Raum Vorführungen des Films «Züri brännt», «Antifa»-Bar-Abende mit dem Motto «Fuck the Police» oder Rap-Konzerte zu Palästina stattfinden.
Auf ihrer Website, die fast so alt wie ihre Hausfassade wirkt, geben die Besetzer Einblick in die Prinzipien, nach denen ihr kulturelles Angebot funktioniert. Die Konzerte und Lesungen finden «unkommerziell und offen für alle» statt. Das heisst: «Es existieren weder Konsumzwang noch Ausweispflicht, und die anfallende Arbeit wird höchstens zum Selbstkostenpreis vergütet.»
Neben der «antikapitalistischen Praxis» wollen die Besetzer Räume schaffen, in denen «Formen der Unterdrückung nicht akzeptiert, sondern diskutiert und reflektiert werden». Diskriminierendes Verhalten in «all seinen Formen» – von «Faschismus» bis «Bodyshaming» – wird nicht akzeptiert. Beim monatlichen feministischen Bar-Abend sind «Cis-Männer» nicht willkommen.
Ärger mit den Nachbarn
Die Immobilien von Bruno Stefanini sind nach seinem Tod 2018 in den Besitz der SKKG übergegangen, deren Direktorin Brunos Tochter Bettina Stefanini ist. Zweck der Stiftung ist es, die Sammlung von Bruno Stefanini zu pflegen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Über 18 Monate hinweg arbeitete ein Team von über achtzig Personen daran, die rund 100 000 Objekte zu reinigen und digital zu erfassen.
Die Ausgaben für Kultur finanziert die SKKG über ihre Immobilien. Doch auch hier musste die Stiftung zuerst einmal für Übersicht sorgen. Denn zum Erbe Stefaninis gehören sieben besetzte Häuser. Der Umgang mit ihnen sei nie einfach gewesen, sagt Ariel Leuenberger. Er ist Kommunikationschef der Firma Terresta, die für die SKKG die Immobilien verwaltet. «Als Voraussetzung für Verträge wollten wir eine Liste mit den Namen von allen Personen, die in den Häusern lebten», sagt Leuenberger. Die Besetzer hätten dies abgelehnt. «Das war ihnen zu repressiv.»
Blick in den Innenhof der «Gisi». Von hier aus werden die Veranstaltungsräume üblicherweise betreten.
Karin Hofer / NZZ
Inzwischen ist es laut Leuenberger gelungen, mit vier der sieben Besetzungen Lösungen zu finden – sie sind nun zum Teil als reguläre Vereine eingetragen, mit Mietverträgen zur Rohbaumiete oder einem langfristigen Baurecht. Bei zwei weiteren Besetzungen sei eine Einigung in Sicht. Übrig bleibt die älteste Besetzung von allen: die «Gisi». Hier sei keine einvernehmliche Lösung möglich, sagt Leuenberger. «Wir sind ständig in Kontakt mit den Nachbarn, die sich wegen Lärm beklagen.» Zudem sei das Haus in erbärmlichem Zustand und verfalle sichtlich.
Dass es mit der Räumung jetzt schnell gehen soll, hat nach Darstellung von Terresta einen weiteren Grund: Crans-Montana. Auf Aufforderung der Immobilienverwaltung kontrollierte die Feuerpolizei im Februar die Veranstaltungsräume der «Gisi». Der Kontrollbericht, der der NZZ vorliegt, hält erhebliche Mängel fest. So gibt es aus dem Souterrain mit Konzertbühne und Bar nur einen einzigen Fluchtweg, der durch mehrere Räume führt, deren Türen allesamt entgegen der Fluchtrichtung öffnen. Ohne bauliche Massnahmen dürfen sich im Veranstaltungsraum maximal zwanzig Personen aufhalten.
«Gisi bleibt»
Die Besetzer der «Gisi» lassen Medienanfragen unbeantwortet. Auch bei einem Besuch vor Ort will niemand mit der NZZ sprechen. In einer Pressemitteilung im «Untergrund-Blättle» schreiben die Besetzer: Dass Terresta die Besetzung «unter dem Vorwand des Brandschutzes» rauswerfen wolle, sei «verwerflich»; seit der feuerpolizeilichen Kontrolle würden in der «Gisi» keine Veranstaltungen mit mehr als zwanzig Personen mehr durchgeführt. Die Besetzer verweisen zudem auf einen Rechtsstreit mit Terresta, der noch hängig ist.
Der Widerstand gegen die SKKG und Terresta ist bei der «Gisi» grundsätzlicher Natur. Wer lange in einem Haus wohnt, dem gehört es, scheint ihre Logik zu sein; die Wohnungsnot sei durch die Profitgier der Vermieter bedingt und könne nur durch sozialistische Praxis entschärft werden. «Wohnraum ist keine Ware», heisst es auf einem Transparent. Laut dem Kollektiv machen es besetzte Häuser möglich, «Perspektiven jenseits einer kapitalistischen Logik» aufzubauen: «An diesen Orten werden Menschen politisiert und fortschrittliche Ideen diskutiert, gelebt und weitergegeben.»
In der Szene und Medien wie der «WOZ» geniessen die Besetzer dafür grosse Sympathien. Linksradikale Gruppen wie die Revolutionäre Jugendbewegung und der Aufbau engagieren sich mit Demos für die «Gisi», in der Stadt sind Plakate wie «SKKG enteignen» anzutreffen; der Kultursender Arte liess die Besetzer in einer Doku – mit Winterthurer Rap im Hintergrund – als von Wohnungsnot betroffene Protagonisten auftreten.
Auf Instagram zeigen sogar Berliner Hausbesetzer ihre Solidarität, mit Pyros und einem «Gisi bleibt»-Transparent. «All capitalists are targets», heisst es unter dem Beitrag. Sinngemäss übersetzt: Alle Kapitalisten sind legitime Angriffsziele. Daneben stehen die in der linken Szene omnipräsenten Hamas-Dreiecke.
Dass sich die Hausbesetzer einer Räumung widersetzen werden, scheint beschlossene Sache. Für den 31. Juli – wenn das Ultimatum von Terresta abläuft – ist ein Kabarettabend in der «Gisi» angekündigt. «Gisi bleibt» steht unter dem Instagram-Beitrag.
Die Pläne von Terresta sehen für das Haus an der General-Guisan-Strasse preisgünstige Wohnungen in den oberen Stockwerken vor, die sich an Familien, Wohngemeinschaften und Kleinhaushalte richten. Im Erdgeschoss soll ein Gemeinschaftsraum entstehen, der allen Bewohnern offensteht – als «Treffpunkt, Co-Working-Space, Veranstaltungs- oder Rückzugsort». Für den Aussenbereich sind ein Velounterstand und ein grüner Hof mit Bäumen geplant.
Alles, was diesem neuen Wohnraum im Wege steht, ist – ironischerweise –, dass die «Gisi bleibt».
Die «Gisi» scheint – von aussen betrachtet – in sichtlich schlechtem Zustand zu sein.
Karin Hofer / NZZ
Quelle: www.nzz.ch
