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Fokus: Wirtschaft, Finanzen, Banken, Hypotheken und Märkte.
Nutze einen professionellen, sachlich-analytischen Ton, ohne Wertung, keine Bilder, keine Emojis, kein HTML.
Nenne, falls vorhanden, wichtige Zahlen, Entwicklungen oder Zitate kurz.
TEXT:
Gentiana Ahmeti zeigt auf Instagram Villen, Häuser und Wohnungen, die zum Verkauf stehen. Kann sie das Verständnis für Immobilienbesitzer stärken?
Ein Selfie für Instagram: Die Immofluencerin Gentiana Ahmeti bei der Arbeit.
In der Garderobe der Luxusvilla in Pfäffikon liegen Schachteln von Gucci, Roberto Cavalli und Louis Vuitton. Sie sind leer. Am Garderobenhaken hängt eine Stofftasche, auf der mehrmals «Dubai» steht. Hier platziert hat sie eine Home-Stylistin, die Häuser für Besichtigungen vorbereitet. Es ist eine Tasche, wie man sie an einem billigen Souvenirstand findet. Doch das Haus, in dem die Tasche hängt, kostet 5 Millionen Franken.
Die Tür zur Villa öffnet an diesem Morgen Gentiana Ahmeti, gross, hüftlange Haare, rote Weste mit auffälligen goldenen Schnallen. Sie wohnt nicht in diesem Haus, sie verkauft es nur. Ahmeti ist Maklerin und Immofluencerin: Sie zeigt online Häuser, postet Videos von Villen, die sie vermitteln soll.
Nebenbei zeigt Ahmeti auch die Perspektive jener, die Häuser besitzen – eine Perspektive, die momentan selten eingenommen wird. Viele der Immobilienbesitzer wollen sich nicht öffentlich äussern, weil sie Angst vor negativen Reaktionen haben.
In Zürich herrscht Wohnungsnot, regelmässig demonstrieren Tausende gegen die hohen Mieten und fehlenden Wohnraum. An den Demonstrationen werden Immobilienbesitzer als «Immo-Haie» verunglimpft und Sprüche skandiert wie: «Hüüser bsetze, Bonze schletze!» Hausbesitzer werden schnell kollektiv als unmoralisch abgestempelt, der Wert von Privateigentum generell infrage gestellt.
Derweil verkauft Gentiana Ahmeti die teurer werdenden Häuser, die trotz Knappheit auf dem Markt sind, an die wenigen, die sich noch Eigentum in dieser Preisklasse leisten können. Damit stellt sie sich öffentlich auf die Seite der Immobilienbesitzer, die verrufen sind. Eine Seltenheit.
Die Abstimmungen
Vier Mal haben Zürcherinnen und Zürcher allein im letzten Jahr über die Zukunft der Wohnpolitik entschieden. Sei es über ein Vorkaufsrecht für den Staat, besseren Mieterschutz oder die Förderung für Einfamilienhaus-Eigentümer: Was vorgeschlagen werden kann, wird vorgeschlagen, und es kommt alles an die Urne.
Begleitet werden die Debatten von dramatischen Geschichten gekündigter Mieter: Alte Menschen, die mit wenig AHV nach Jahrzehnten aus ihrem baufälligen 1960er-Jahre-Block ausziehen. Alleinerziehende, die Angst haben, nach der Leerkündigung keine neue Wohnung in der Stadt zu finden.
Erzählt werden die Geschichten der Mieter. Die Besitzer aber bleiben still, mit wenigen Ausnahmen. Das berühmteste Beispiel: Nach der umstrittenen Kündigung der Mieter der «Sugus»-Häuser vor Weihnachten 2024 erzählten die Gekündigten ihre Geschichten. Die Besitzerin, Regina Bachmann, weigerte sich kategorisch, Auskunft zu geben. In den seltenen Fällen, in denen sich Immobilienbesitzer öffentlich äussern, werden sie negativ dargestellt, mit Kritik überschüttet. Mittlerweile äussern sie sich fast nur noch über ihre politischen Vertretungen – den Hauseigentümerverband etwa oder die Parteien FDP, SVP und Mitte.
Im vertraulichen Gespräch sagen jene, die Immobilien besitzen, dass sie negative öffentliche Reaktionen auf ihre Sichtweise befürchten. Also sagen sie lieber gar nichts – ausser dass es gut wäre für die Immobilienbesitzer, wenn sich mal jemand trauen würde. Nur wer?
Die Aufgabe
«Das Haus ist perfekt für eine Familie mit Kindern!», sagt Ahmeti und weist mit den Armen den Weg zum Wohnzimmer der Villa in Pfäffikon. Das Gebäude hat siebeneinhalb Zimmer, eines davon ist vom Flur und den anderen Zimmern durch ein luxuriöses Badezimmer abgetrennt. Das WC und die Dusche sind jeweils ein Raum, dazu kommt eine Badewanne, von der aus man Pfäffikon überblickt und, wenn auch von weit weg, sogar auf den Pfäffikersee sieht.
Ahmeti will diese Villa an jenem Montagmorgen einem Interessenten zeigen. Sie ist von aussen unauffällig, innen aber protzig. Die Wände sind aus Beton, das Wohnzimmer geprägt von einem Cheminée, alles ist in zurückhaltendes Grau, Seegrün, Beigetöne getaucht. Vor dem Haus sind zwei Terrassen, im ersten Stock führt an allen Zimmern ein Balkon entlang, im Garten befindet sich ein grosser Pool. Die Räume sind drei Meter hoch. Alles, was aus Holz ist – Schubladen, Schränke, Türen – ist eine Massanfertigung. Ahmeti sagt, was offensichtlich ist: «Dem Bauherrn war das Repräsentative wichtig.»
Das Haus zu inszenieren, gehört zum Job der Maklerin Ahmeti.
Eingezogen ist der Bauherr schliesslich nie. Er wollte das Haus für sich und seine Frau bauen. Dann trennten sich die beiden, noch bevor das Haus fertig wurde. «Eigentlich sollte es sein Für-immer-Ort werden», sagt Ahmeti.
Jetzt hat die Maklerin die Schlüssel zur Villa. Und eine Aufgabe: jemanden zu finden, der dafür 5 Millionen Franken bezahlt.
Das Chamäleon
Ahmeti ist 31 Jahre alt. Sie machte eine Lehre als Kauffrau. Später begann sie in der Immobilienbranche zu arbeiten. Sie trat Anfang zwanzig ihre erste Stelle als Immobilienbewirtschafterin an, es folgten weitere. Sie absolvierte Weiterbildungen, lernte schnell.
Dann kam der Lockdown. Ahmeti, frisch Mutter geworden, sass zu Hause und fragte sich: Und jetzt? Sie sagt: «Ich wollte nicht mehr Vollzeit arbeiten, als ich Mami wurde. Aber Stellen für 20 oder 40 Prozent gab es kaum – oder zumindest nicht mit so viel Verantwortung, wie ich gewohnt war.» Also entschied sie sich, sich als Maklerin selbständig zu machen. Sie gründete die Gentiana Real Estate AG und war überzeugt, dass es so klappen würde. Überzeugt, dass die Selbständigkeit ihr Weg werden würde, wie sie Kind und Karriere würde vereinen können.
Heute arbeitet Ahmeti deutlich mehr als hundert Prozent. «Das geht in der Selbständigkeit nicht anders, diesbezüglich war ich blauäugig», sagt sie. «Aber vielleicht war das ganz gut, sonst hätte ich mich nicht getraut.»
Als Maklerin muss Ahmeti deutlich mehr meistern, als Hausbesichtigungen zu organisieren. «Mein Job hat viel mit Trennung, Scheidung, Tod zu tun», sagt sie. Nach solchen Brüchen werden Häuser verkauft – und Ahmetis Dienste gebraucht. «Ein bisschen bin ich deswegen auch Therapeutin.»
Häufig sitzen Erbgemeinschaften vor ihr, Geschwister, die ihre Eltern verloren haben, oder Menschen, die frisch getrennt sind. «Das sind menschlich schwierige Situationen», sagt Ahmeti. «Oft will einer in der Runde möglichst schnell verkaufen, während der andere noch gar nicht bereit dazu ist. Ich muss dann vermitteln. Ich muss alle abholen, die am Tisch sitzen. Ich muss ein Chamäleon sein.»
«Ein bisschen bin ich auch Therapeutin», sagt Gentiana Ahmeti.
Ahmeti sagt, sie verkaufe zwei bis drei Luxusvillen für mehrere Millionen Franken pro Jahr. Häuser, bei denen die Käufer nicht einfach irgendeine Bleibe brauchen – sondern das perfekte Haus finden wollen. Die Verkäufer ihrerseits veräussern teilweise ihre grössten Investitionen, es geht um ganze Vermögen.
Ahmeti hat an diesem Montagmorgen ein Treffen mit einem Interessenten vereinbart, der sich die protzige Villa in Pfäffikon ansehen möchte. 21 Jahre alt sei der Interessent, sagt Ahmeti, reich geworden durch ein gutes Händchen im Krypto-Trading. Er würde das Haus mieten, nicht kaufen. Kostenpunkt: 8500 Franken im Monat.
Doch er taucht nicht auf. Um elf Uhr ist die Besichtigung angesetzt, alles im Haus ist bereit. Das Haus wurde bis ins letzte Detail von einer Agentur für «Home-Staging» inszeniert, die solche Häuser provisorisch so einrichtet, dass sich die potenziellen Käufer vorstellen können, dort zu wohnen.
Ahmeti steht um Punkt elf Uhr in der Haustür, um den Interessenten zu empfangen. Um zehn nach elf schreibt sie ihm eine Nachricht, um Viertel nach ruft sie an. Um zwanzig nach gibt Ahmeti auf. «Wahrscheinlich hat er seine Ferien auf Ibiza spontan verlängert», sagt sie lapidar, «das kommt vor.»
Werben um die Käufer
Im Preissegment dieser Luxusvilla gibt es keinen Ansturm potenzieller Käufer. Nicht die Interessenten werben um die Gunst der Verkäufer, sondern die Verkäufer um die der Interessenten. Für diese Villa gilt das besonders. Ahmeti sagt: «Der Eigentümer hat dieses Haus für sich selbst gebaut, es ist eigentlich kein Haus für den Verkauf. Es verkaufen zu müssen, ist, als müsste man einen neuen Träger für einen massgeschneiderten Anzug suchen.»
Ahmeti ist für diese Villa noch mit zwei Interessenten in Kontakt, zwei jungen Familien. Der Vater der einen Familie ist Unternehmer und verdient viel, sie sorgt für die Kinder. «Sie würden das Haus komplett umbauen», sagt Ahmeti. «Das Wohnzimmer soll grösser werden.» Ausserdem wolle die Familie das Bad der Kinder ausbauen. Die sechs Quadratmeter grosse Dusche sei zu klein. Eine grosse Sache sei das nicht, zumindest nicht für diese Familie. Ahmeti sagt: «Wer 5 Millionen Franken in ein Haus investiert, für den sind 200 000 Franken für einen Umbau nicht viel.»
Für die Villa ist Ahmeti momentan nur mit diesen zwei Interessenten im Gespräch. Springt einer von ihnen ab, ist das ein Einschnitt, der für Ahmeti viel Arbeit bedeutet. Während Mieter in der Stadt zu Hunderten anstehen, um eine Wohnung auch nur besichtigen zu können, werden hier für einzelne Präsentationen des Hauses Möbel herangeschafft, Kissen zurechtgezupft, Kerzen platziert. In der Küche liegen künstliches Brot und Zitronen aus Plastik.
Ahmeti ist entschlossen, die Villa zu verkaufen, auch wenn es dauert. Über ein halbes Jahr ist sie mit dem Projekt schon beschäftigt. Für die Vermarktung nutzt sie all ihre Kanäle. Der wichtigste davon ist Instagram. Der Ort, wo sie wurde, was sie heute ist: Immofluencerin.
Eine Marke
Ahmeti verkauft ihre Häuser nicht über Schilder an der Strasse. Sondern dort, wo auch für Gesichtscrèmes, Möbel oder Fleischmesser geworben wird: auf Instagram. «Die Menschen, die ich erreichen will, die haben oft viel Zeit, um ein Haus zu finden», sagt Ahmeti. «Also muss ich schauen, dass sie in dieser Zeit genau auf meine Häuser stossen.»
Jedes teurere Objekt, das Ahmeti verkauft, zeigt sie auf Instagram. «Hoi ich bin Gentiana, eui Immofluencerin. Machemer doch gmeinsam e Huustour!», sagt sie am Anfang jedes Videos. Dann zeigt sie Wohnzimmer, Küchen, Galerien, Treppenhäuser. «Diese Wohnung bietet alles, was das Herz begehrt», sagt sie immer wieder. Oder: «Dieses Haus bietet unglaublich viele Möglichkeiten.»
Gentiana Ahmeti zeigt ihren Instagram-Account. 4000 Menschen schauen ihr dort zu, wenn sie Häuser zeigt.
Etwas mehr als 4000 Menschen folgen Ahmeti auf Instagram, ihre Videos auf Tiktok werden manchmal eine Million Mal abgespielt. Regelmässig, sagt Ahmeti, habe sie nach Videos Verkaufsgespräche. «Die erste Besichtigung findet heute eigentlich nie mehr vor Ort statt.»
Der Trend hin zur Inszenierung von Häusern, Villen, Wohnungen und dem Leben als Immobilienbesitzer über Instagram ist in der Immobilienbranche momentan klar erkennbar. In den USA vereinen manche Influencer mehrere Millionen Follower hinter sich (Ryan Serhant, 3,3 Millionen Follower), in Deutschland mehrere hunderttausend (Mr. Unreal Estate, 550 000 Follower). Sie geben Tipps, wie man Immobilien kauft, wie man Mieteinnahmen generiert, inszenieren ein luxuriöses Leben als Immobilienbesitzer. Ihre Botschaft: Du kannst dir ebenfalls ein Leben im Luxus erarbeiten, wenn du unsere Ratschläge befolgst.
Ahmeti besitzt selber keine Immobilien und gestaltet ihren Auftritt anders. Sie zeigt sich auf Instagram vor allem, um Häuser zu bewerben – aber nicht nur. Sie beschreibt auch ihren Alltag, erklärt, wie Besichtigungen oder Vertragsabschlüsse funktionieren. Sie schreibt über Spatenstiche, Bauprojekte und darüber, warum manche Bauprojekte so lange dauern. An anderer Stelle erzählt sie von einem Neubauprojekt, das sie vermarktet, dessen Wohnungen kaum auf Interesse stossen. Und mahnt: «Eine falsche Strategie kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld.»
Zeit, Geld, Verzögerungen: Es sind Ahmetis Lieblingsthemen, wenn die Wohnungsnot zur Sprache kommt. «Wir sollten viel mehr über Einsprachen und Bewilligungen reden», findet Ahmeti. «Es geht ewig, die Erlaubnis für einen Neubau zu bekommen. So lösen wir die Wohnungsnot nie.»
Die Wut jener, die wegen der hohen Preise auf die Strasse gehen, kann Ahmeti nicht verstehen. «In der Schweiz stehen einem alle Türen offen. Wenn man sich weniger leisten kann, als man möchte, muss man eben sein Potenzial besser ausschöpfen.»
Die Wut der Strassen, die erreicht Ahmeti auch selten direkt. «Wenn ich negative Nachrichten bekomme, dann meistens, weil sich Leute fragen, wer sich die Häuser denn leisten können soll, die ich vermarkte.»
Die Häuser, die sie vermarktet, haben aus Ahmetis Sicht durchaus ihre Berechtigung: «Eigentum ist wichtig, weil es eine Flexibilität gibt, die man als Mieter nicht hat.» In einem eigenen Haus könne man um- und ausbauen, wie man wolle, und habe oft mehr Privatsphäre. Zudem könne man mit Eigentum Vermögen aufbauen. Dass es diese Möglichkeit gibt, findet sie wichtig – das zu zeigen, ebenfalls.
Auf Instagram mit politischen Positionen auftreten wollte Ahmeti bis anhin trotzdem nicht. «Dieses Parteipolitische, das liegt mir nicht», sagt sie – und spiegelt damit die Haltung vieler in der Immobilienbranche. Für Hauseigentümer, Immobilienbewirtschafter – kurz: für viele ausser den Mietern – wird das zum Problem. Denn das Momentum in den Diskussionen um Wohnpolitik liegt aufseiten der Mieter, während sich Hausbesitzer selten öffentlich politisch äussern. So wird die Verständigung zwischen den beiden Seiten zunehmend schwieriger.
Immofluencer wie Gentiana Ahmeti könnten zu dieser Verständigung beitragen, würden sie politischer auftreten. Doch will sie das? «Mal schauen», sagt Ahmeti und lacht. «Jetzt muss ich erst mal dieses Haus verkaufen.»
Erstelle 3–5 stichpunktartige Kernaussagen (je max. 15 Wörter) mit Fokus auf wirtschaftliche oder finanzielle Aspekte.
Verwende nur Zeilen, die mit “- ” beginnen, keine Emojis oder HTML.
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Gentiana Ahmeti zeigt auf Instagram Villen, Häuser und Wohnungen, die zum Verkauf stehen. Kann sie das Verständnis für Immobilienbesitzer stärken?
Ein Selfie für Instagram: Die Immofluencerin Gentiana Ahmeti bei der Arbeit.
In der Garderobe der Luxusvilla in Pfäffikon liegen Schachteln von Gucci, Roberto Cavalli und Louis Vuitton. Sie sind leer. Am Garderobenhaken hängt eine Stofftasche, auf der mehrmals «Dubai» steht. Hier platziert hat sie eine Home-Stylistin, die Häuser für Besichtigungen vorbereitet. Es ist eine Tasche, wie man sie an einem billigen Souvenirstand findet. Doch das Haus, in dem die Tasche hängt, kostet 5 Millionen Franken.
Die Tür zur Villa öffnet an diesem Morgen Gentiana Ahmeti, gross, hüftlange Haare, rote Weste mit auffälligen goldenen Schnallen. Sie wohnt nicht in diesem Haus, sie verkauft es nur. Ahmeti ist Maklerin und Immofluencerin: Sie zeigt online Häuser, postet Videos von Villen, die sie vermitteln soll.
Nebenbei zeigt Ahmeti auch die Perspektive jener, die Häuser besitzen – eine Perspektive, die momentan selten eingenommen wird. Viele der Immobilienbesitzer wollen sich nicht öffentlich äussern, weil sie Angst vor negativen Reaktionen haben.
In Zürich herrscht Wohnungsnot, regelmässig demonstrieren Tausende gegen die hohen Mieten und fehlenden Wohnraum. An den Demonstrationen werden Immobilienbesitzer als «Immo-Haie» verunglimpft und Sprüche skandiert wie: «Hüüser bsetze, Bonze schletze!» Hausbesitzer werden schnell kollektiv als unmoralisch abgestempelt, der Wert von Privateigentum generell infrage gestellt.
Derweil verkauft Gentiana Ahmeti die teurer werdenden Häuser, die trotz Knappheit auf dem Markt sind, an die wenigen, die sich noch Eigentum in dieser Preisklasse leisten können. Damit stellt sie sich öffentlich auf die Seite der Immobilienbesitzer, die verrufen sind. Eine Seltenheit.
Die Abstimmungen
Vier Mal haben Zürcherinnen und Zürcher allein im letzten Jahr über die Zukunft der Wohnpolitik entschieden. Sei es über ein Vorkaufsrecht für den Staat, besseren Mieterschutz oder die Förderung für Einfamilienhaus-Eigentümer: Was vorgeschlagen werden kann, wird vorgeschlagen, und es kommt alles an die Urne.
Begleitet werden die Debatten von dramatischen Geschichten gekündigter Mieter: Alte Menschen, die mit wenig AHV nach Jahrzehnten aus ihrem baufälligen 1960er-Jahre-Block ausziehen. Alleinerziehende, die Angst haben, nach der Leerkündigung keine neue Wohnung in der Stadt zu finden.
Erzählt werden die Geschichten der Mieter. Die Besitzer aber bleiben still, mit wenigen Ausnahmen. Das berühmteste Beispiel: Nach der umstrittenen Kündigung der Mieter der «Sugus»-Häuser vor Weihnachten 2024 erzählten die Gekündigten ihre Geschichten. Die Besitzerin, Regina Bachmann, weigerte sich kategorisch, Auskunft zu geben. In den seltenen Fällen, in denen sich Immobilienbesitzer öffentlich äussern, werden sie negativ dargestellt, mit Kritik überschüttet. Mittlerweile äussern sie sich fast nur noch über ihre politischen Vertretungen – den Hauseigentümerverband etwa oder die Parteien FDP, SVP und Mitte.
Im vertraulichen Gespräch sagen jene, die Immobilien besitzen, dass sie negative öffentliche Reaktionen auf ihre Sichtweise befürchten. Also sagen sie lieber gar nichts – ausser dass es gut wäre für die Immobilienbesitzer, wenn sich mal jemand trauen würde. Nur wer?
Die Aufgabe
«Das Haus ist perfekt für eine Familie mit Kindern!», sagt Ahmeti und weist mit den Armen den Weg zum Wohnzimmer der Villa in Pfäffikon. Das Gebäude hat siebeneinhalb Zimmer, eines davon ist vom Flur und den anderen Zimmern durch ein luxuriöses Badezimmer abgetrennt. Das WC und die Dusche sind jeweils ein Raum, dazu kommt eine Badewanne, von der aus man Pfäffikon überblickt und, wenn auch von weit weg, sogar auf den Pfäffikersee sieht.
Ahmeti will diese Villa an jenem Montagmorgen einem Interessenten zeigen. Sie ist von aussen unauffällig, innen aber protzig. Die Wände sind aus Beton, das Wohnzimmer geprägt von einem Cheminée, alles ist in zurückhaltendes Grau, Seegrün, Beigetöne getaucht. Vor dem Haus sind zwei Terrassen, im ersten Stock führt an allen Zimmern ein Balkon entlang, im Garten befindet sich ein grosser Pool. Die Räume sind drei Meter hoch. Alles, was aus Holz ist – Schubladen, Schränke, Türen – ist eine Massanfertigung. Ahmeti sagt, was offensichtlich ist: «Dem Bauherrn war das Repräsentative wichtig.»
Das Haus zu inszenieren, gehört zum Job der Maklerin Ahmeti.
Eingezogen ist der Bauherr schliesslich nie. Er wollte das Haus für sich und seine Frau bauen. Dann trennten sich die beiden, noch bevor das Haus fertig wurde. «Eigentlich sollte es sein Für-immer-Ort werden», sagt Ahmeti.
Jetzt hat die Maklerin die Schlüssel zur Villa. Und eine Aufgabe: jemanden zu finden, der dafür 5 Millionen Franken bezahlt.
Das Chamäleon
Ahmeti ist 31 Jahre alt. Sie machte eine Lehre als Kauffrau. Später begann sie in der Immobilienbranche zu arbeiten. Sie trat Anfang zwanzig ihre erste Stelle als Immobilienbewirtschafterin an, es folgten weitere. Sie absolvierte Weiterbildungen, lernte schnell.
Dann kam der Lockdown. Ahmeti, frisch Mutter geworden, sass zu Hause und fragte sich: Und jetzt? Sie sagt: «Ich wollte nicht mehr Vollzeit arbeiten, als ich Mami wurde. Aber Stellen für 20 oder 40 Prozent gab es kaum – oder zumindest nicht mit so viel Verantwortung, wie ich gewohnt war.» Also entschied sie sich, sich als Maklerin selbständig zu machen. Sie gründete die Gentiana Real Estate AG und war überzeugt, dass es so klappen würde. Überzeugt, dass die Selbständigkeit ihr Weg werden würde, wie sie Kind und Karriere würde vereinen können.
Heute arbeitet Ahmeti deutlich mehr als hundert Prozent. «Das geht in der Selbständigkeit nicht anders, diesbezüglich war ich blauäugig», sagt sie. «Aber vielleicht war das ganz gut, sonst hätte ich mich nicht getraut.»
Als Maklerin muss Ahmeti deutlich mehr meistern, als Hausbesichtigungen zu organisieren. «Mein Job hat viel mit Trennung, Scheidung, Tod zu tun», sagt sie. Nach solchen Brüchen werden Häuser verkauft – und Ahmetis Dienste gebraucht. «Ein bisschen bin ich deswegen auch Therapeutin.»
Häufig sitzen Erbgemeinschaften vor ihr, Geschwister, die ihre Eltern verloren haben, oder Menschen, die frisch getrennt sind. «Das sind menschlich schwierige Situationen», sagt Ahmeti. «Oft will einer in der Runde möglichst schnell verkaufen, während der andere noch gar nicht bereit dazu ist. Ich muss dann vermitteln. Ich muss alle abholen, die am Tisch sitzen. Ich muss ein Chamäleon sein.»
«Ein bisschen bin ich auch Therapeutin», sagt Gentiana Ahmeti.
Ahmeti sagt, sie verkaufe zwei bis drei Luxusvillen für mehrere Millionen Franken pro Jahr. Häuser, bei denen die Käufer nicht einfach irgendeine Bleibe brauchen – sondern das perfekte Haus finden wollen. Die Verkäufer ihrerseits veräussern teilweise ihre grössten Investitionen, es geht um ganze Vermögen.
Ahmeti hat an diesem Montagmorgen ein Treffen mit einem Interessenten vereinbart, der sich die protzige Villa in Pfäffikon ansehen möchte. 21 Jahre alt sei der Interessent, sagt Ahmeti, reich geworden durch ein gutes Händchen im Krypto-Trading. Er würde das Haus mieten, nicht kaufen. Kostenpunkt: 8500 Franken im Monat.
Doch er taucht nicht auf. Um elf Uhr ist die Besichtigung angesetzt, alles im Haus ist bereit. Das Haus wurde bis ins letzte Detail von einer Agentur für «Home-Staging» inszeniert, die solche Häuser provisorisch so einrichtet, dass sich die potenziellen Käufer vorstellen können, dort zu wohnen.
Ahmeti steht um Punkt elf Uhr in der Haustür, um den Interessenten zu empfangen. Um zehn nach elf schreibt sie ihm eine Nachricht, um Viertel nach ruft sie an. Um zwanzig nach gibt Ahmeti auf. «Wahrscheinlich hat er seine Ferien auf Ibiza spontan verlängert», sagt sie lapidar, «das kommt vor.»
Werben um die Käufer
Im Preissegment dieser Luxusvilla gibt es keinen Ansturm potenzieller Käufer. Nicht die Interessenten werben um die Gunst der Verkäufer, sondern die Verkäufer um die der Interessenten. Für diese Villa gilt das besonders. Ahmeti sagt: «Der Eigentümer hat dieses Haus für sich selbst gebaut, es ist eigentlich kein Haus für den Verkauf. Es verkaufen zu müssen, ist, als müsste man einen neuen Träger für einen massgeschneiderten Anzug suchen.»
Ahmeti ist für diese Villa noch mit zwei Interessenten in Kontakt, zwei jungen Familien. Der Vater der einen Familie ist Unternehmer und verdient viel, sie sorgt für die Kinder. «Sie würden das Haus komplett umbauen», sagt Ahmeti. «Das Wohnzimmer soll grösser werden.» Ausserdem wolle die Familie das Bad der Kinder ausbauen. Die sechs Quadratmeter grosse Dusche sei zu klein. Eine grosse Sache sei das nicht, zumindest nicht für diese Familie. Ahmeti sagt: «Wer 5 Millionen Franken in ein Haus investiert, für den sind 200 000 Franken für einen Umbau nicht viel.»
Für die Villa ist Ahmeti momentan nur mit diesen zwei Interessenten im Gespräch. Springt einer von ihnen ab, ist das ein Einschnitt, der für Ahmeti viel Arbeit bedeutet. Während Mieter in der Stadt zu Hunderten anstehen, um eine Wohnung auch nur besichtigen zu können, werden hier für einzelne Präsentationen des Hauses Möbel herangeschafft, Kissen zurechtgezupft, Kerzen platziert. In der Küche liegen künstliches Brot und Zitronen aus Plastik.
Ahmeti ist entschlossen, die Villa zu verkaufen, auch wenn es dauert. Über ein halbes Jahr ist sie mit dem Projekt schon beschäftigt. Für die Vermarktung nutzt sie all ihre Kanäle. Der wichtigste davon ist Instagram. Der Ort, wo sie wurde, was sie heute ist: Immofluencerin.
Eine Marke
Ahmeti verkauft ihre Häuser nicht über Schilder an der Strasse. Sondern dort, wo auch für Gesichtscrèmes, Möbel oder Fleischmesser geworben wird: auf Instagram. «Die Menschen, die ich erreichen will, die haben oft viel Zeit, um ein Haus zu finden», sagt Ahmeti. «Also muss ich schauen, dass sie in dieser Zeit genau auf meine Häuser stossen.»
Jedes teurere Objekt, das Ahmeti verkauft, zeigt sie auf Instagram. «Hoi ich bin Gentiana, eui Immofluencerin. Machemer doch gmeinsam e Huustour!», sagt sie am Anfang jedes Videos. Dann zeigt sie Wohnzimmer, Küchen, Galerien, Treppenhäuser. «Diese Wohnung bietet alles, was das Herz begehrt», sagt sie immer wieder. Oder: «Dieses Haus bietet unglaublich viele Möglichkeiten.»
Gentiana Ahmeti zeigt ihren Instagram-Account. 4000 Menschen schauen ihr dort zu, wenn sie Häuser zeigt.
Etwas mehr als 4000 Menschen folgen Ahmeti auf Instagram, ihre Videos auf Tiktok werden manchmal eine Million Mal abgespielt. Regelmässig, sagt Ahmeti, habe sie nach Videos Verkaufsgespräche. «Die erste Besichtigung findet heute eigentlich nie mehr vor Ort statt.»
Der Trend hin zur Inszenierung von Häusern, Villen, Wohnungen und dem Leben als Immobilienbesitzer über Instagram ist in der Immobilienbranche momentan klar erkennbar. In den USA vereinen manche Influencer mehrere Millionen Follower hinter sich (Ryan Serhant, 3,3 Millionen Follower), in Deutschland mehrere hunderttausend (Mr. Unreal Estate, 550 000 Follower). Sie geben Tipps, wie man Immobilien kauft, wie man Mieteinnahmen generiert, inszenieren ein luxuriöses Leben als Immobilienbesitzer. Ihre Botschaft: Du kannst dir ebenfalls ein Leben im Luxus erarbeiten, wenn du unsere Ratschläge befolgst.
Ahmeti besitzt selber keine Immobilien und gestaltet ihren Auftritt anders. Sie zeigt sich auf Instagram vor allem, um Häuser zu bewerben – aber nicht nur. Sie beschreibt auch ihren Alltag, erklärt, wie Besichtigungen oder Vertragsabschlüsse funktionieren. Sie schreibt über Spatenstiche, Bauprojekte und darüber, warum manche Bauprojekte so lange dauern. An anderer Stelle erzählt sie von einem Neubauprojekt, das sie vermarktet, dessen Wohnungen kaum auf Interesse stossen. Und mahnt: «Eine falsche Strategie kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld.»
Zeit, Geld, Verzögerungen: Es sind Ahmetis Lieblingsthemen, wenn die Wohnungsnot zur Sprache kommt. «Wir sollten viel mehr über Einsprachen und Bewilligungen reden», findet Ahmeti. «Es geht ewig, die Erlaubnis für einen Neubau zu bekommen. So lösen wir die Wohnungsnot nie.»
Die Wut jener, die wegen der hohen Preise auf die Strasse gehen, kann Ahmeti nicht verstehen. «In der Schweiz stehen einem alle Türen offen. Wenn man sich weniger leisten kann, als man möchte, muss man eben sein Potenzial besser ausschöpfen.»
Die Wut der Strassen, die erreicht Ahmeti auch selten direkt. «Wenn ich negative Nachrichten bekomme, dann meistens, weil sich Leute fragen, wer sich die Häuser denn leisten können soll, die ich vermarkte.»
Die Häuser, die sie vermarktet, haben aus Ahmetis Sicht durchaus ihre Berechtigung: «Eigentum ist wichtig, weil es eine Flexibilität gibt, die man als Mieter nicht hat.» In einem eigenen Haus könne man um- und ausbauen, wie man wolle, und habe oft mehr Privatsphäre. Zudem könne man mit Eigentum Vermögen aufbauen. Dass es diese Möglichkeit gibt, findet sie wichtig – das zu zeigen, ebenfalls.
Auf Instagram mit politischen Positionen auftreten wollte Ahmeti bis anhin trotzdem nicht. «Dieses Parteipolitische, das liegt mir nicht», sagt sie – und spiegelt damit die Haltung vieler in der Immobilienbranche. Für Hauseigentümer, Immobilienbewirtschafter – kurz: für viele ausser den Mietern – wird das zum Problem. Denn das Momentum in den Diskussionen um Wohnpolitik liegt aufseiten der Mieter, während sich Hausbesitzer selten öffentlich politisch äussern. So wird die Verständigung zwischen den beiden Seiten zunehmend schwieriger.
Immofluencer wie Gentiana Ahmeti könnten zu dieser Verständigung beitragen, würden sie politischer auftreten. Doch will sie das? «Mal schauen», sagt Ahmeti und lacht. «Jetzt muss ich erst mal dieses Haus verkaufen.»
Quelle: www.nzz.ch
