Unbezahlbare Immobilien
Es herrscht Wohnungsnot, weil der Markt versagt
In der Schweiz werden trotz hoher Nachfrage zu wenig Wohnungen gebaut, weil das Bauland fehlt. Es gibt jedoch eine Lösung.
Die Raiffeisenbank kommt in ihrem neuen Bericht über den Schweizer Immobilienmarkt zu einem bemerkenswerten Befund: Die allgemeine Wohnungsnot führe zu «erzwungenen Verhaltensveränderungen». Weil erschwingliche Wohnungen fehlten, zögen «Kinder nicht mehr aus ihrem Elternhaus aus oder kehren sogar dorthin zurück».
Raiffeisen als zweitgrösster Hypothekarvermittler der Schweiz zeigt damit auf, dass die Situation aus dem Ruder läuft. Der Wohnungsmarkt funktioniere nicht mehr, sagt Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile. Was er nicht sagt, was aber offensichtlich ist: Es handelt sich um ein klassisches Marktversagen.
Bei hoher Nachfrage steigen die Preise. Das ist der Grund, warum junge Erwachsene oder auch ältere Geringverdienende keine günstige Wohnung finden. Zugleich wächst in einem funktionierenden Markt bei hoher Nachfrage aber auch das Angebot. Das aber ist auf dem Immobilienmarkt nicht der Fall. Denn in der Schweiz geht das Bauland aus. In Grosszentren sind schon 92 Prozent der Flächen überbaut, und selbst auf dem Land sind es mittlerweile 84 Prozent.
Günstige Wohnungen nicht in Sicht
Während das verfügbare Land also stetig schwindet, steigt die Nachfrage nach Wohnraum weiterhin. Auch die Verdichtung kann das kaum ändern. Bestehende Häuser werden zwar aufgestockt. Oder sie werden abgerissen, um grössere Gebäude zu errichten und das Land besser zu nutzen. Dadurch aber verschwinden alte, günstige Wohnungen – und neue, teurere entstehen. Zu günstigerem Wohnraum und einer Marktberuhigung führt dies deshalb nicht.
Für Investorinnen und Investoren ist das ein Fest. Für Wohnungssuchende mit kleinem Budget eine Katastrophe. Wohnen ist nicht wie Champagner, auf den verzichten kann, wer dafür nicht das nötige Geld hat. Wohnen müssen alle. SP-Nationalrätin Jacqueline Badran spricht von «Zwangskonsum». Sie führt dies als Argument dafür an, dass der Immobilienmarkt gar kein funktionierender Markt sein kann. Weil es gar nicht möglich ist, dass sich die Nachfrage auf das Angebot einpendeln kann.
Tatsächlich zieht es sogleich Folgeprobleme nach sich, wenn etwa die jungen Erwachsenen, die ungewollt weiter bei ihren Eltern wohnen, endlich ein günstiges Apartment finden und ausziehen. Denn dann bleiben die Eltern in einer für sie allein zu grossen Wohnung zurück. In eine kleinere Bleibe wechseln können die meisten nicht, ohne eine höhere Miete in Kauf zu nehmen. Zu viele Menschen sitzen in zu grossen oder zu kleinen Wohnungen fest.
Höhere Miete bei Wohnungswechsel
Das ist das Kernproblem der Wohnungsmisere: der grosse Unterschied zwischen Bestands- und Angebotsmieten. Vermietende schlagen bei einem Wechsel die Miete meistens immens auf, obwohl dies illegal ist und ihre Rendite aufs Eigenkapital aktuell nicht über 3,5 Prozent liegen darf. Einen freien Immobilienmarkt sieht das Schweizer Gesetz gar nicht vor.
Der Gesetzgeber müsste den Renditedeckel jedoch mit automatischen Kontrollen durchsetzen, wie dies eine Initiative vorschlägt, die diesen Juni lanciert werden soll. Zu einer Flaute beim Wohnungsbau wird dies nicht führen. Für Investoren bleibt es weiterhin attraktiv. Das Kapital ist auch bei einer niedrigeren Miete gut angelegt. Dies schon allein, weil der Preis für Bauland in der Schweiz in der Zukunft stetig steigen wird. Das Problem birgt zugleich die Lösung.
Der Sonntag
Das Sonntags-Team liefert die besten Lesestücke der Woche und exklusive Blicke hinter die Kulissen.
Fehler gefunden?Jetzt melden.
